Ich bin kein Taxi, ich rette Leben

Die „Sternhai“ hat schon bessere Zeiten gesehen. Alt und voller Beulen liegt sie im Rostocker Stadthafen. Gearbeitet wurde auf ihr schon seit einiger Zeit nicht mehr. Erst war es der Untergang der DDR-Fischfangflotte, dann die Brüsseler Fangquoten für Heringe in der Ostsee, die dem Fischkutter 2014 schließlich die Daseinsberechtigung raubten. Jetzt scheint alles nutzlos und rostet vor sich hin: Motorwinschen, Blöcke. Flaschenzüge, Stahlseile, Netzrollen. Ein bulliges Arbeitstier am Ende seiner Tage. Alles sieht danach aus, als würde der letzte Törn der „Sternhai“ in die ewigen Jagdgründe eines Schiffsfriedhofs führen.

 

Doch der Anschein trügt. Schon in ein paar Wochen wird der alte Kutter zu neuem Leben erwachen. Der Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer hat das Schiff gekauft, um Flüchtlinge zu retten. Unter dem neuen Namen „Sea-Eye – Wind of Change“ wird sie nach einem Zwischenstopp auf einer Schiffswerft den langen Weg ins Mittelmeer antreten über den Nord-Ostsee-Kanal, den Ärmelkanal und die Biskaya in das Seegebiet zwischen Lampedusa und Djerba. Pünktlich, wenn die „Saison“ losgeht, wie manche böse meinen, wird sich der Kutter auf die Suche machen: nach wackligen Schlauchbooten, oft nicht länger als 10 Meter und hoffnungsvoll überladen mit Menschen, deren einziges Navigationsinstrument die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa ist. Ein stählerner Rettungsring für seeuntaugliche Flüchtlinge.

 

Erst war es nur ein Unbehagen – über das Leben in einer privilegierten Welt, während anderswo Menschen ums Überleben kämpften. Dann die Nachricht, dass die Marineoperation Mare Nostrum, die bis dahin 150.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken rettete, eingestellt wurde. Ersetzt durch Triton: Weniger Geld. Mehr Abschreckung. Beschränkung auf die Sicherung der Außengrenzen im Auftrag der europäischen Agentur Frontex. Von Rettung keine Rede. Seitdem ertrinken wieder Menschen im Mittelmeer. Da platzte Michael Buschheuer der Kragen: „Wenn man sich immer ärgert, dann muss man sich irgendwann entscheiden: Was kann ich selber tun?“

 

Michael Buschheuer versteht etwas von Stahl: In seinem Hauptberuf ist er Inhaber einer Firma in Regensburg, die sich auf Korrosionsschutz für große Stahlteile spezialisiert hat, Brücken und Bausegmente. Und er versteht etwas von Seefahrt: Den Urlaub verbringt er auf seiner Segel-Yacht vor Schottland oder in der Adria. Jetzt kommt die Seenotrettung dazu – und die ist alles andere als einfach.

 

Regel Nummer 1 lautet: Wird ein Flüchtlingsboot gesichtet, das nicht seetauglich ist, schon gar nicht für die Anzahl der Passagiere, setzen die Leute von der Sea-Eye den Notruf SOS mit einer Positionsangabe ab. Jetzt ist jedes Schiff nach internationalem Seerecht verpflichtet, zur Hilfe zu kommen.

 

Regel Nummer 2: Da die Sea-Eye selber nicht über die geeigneten Möglichkeiten verfügt, Flüchtlinge an Bord zu nehmen, und dies nur in Ausnahmefällen tut, bleibt sie in deutlichem Abstand zum Flüchtlingsboot. Damit soll verhindert werden, dass Menschen in Panik und ohne ausreichende Sicherheit das Flüchtlingsboot verlassen, um zum Rettungsschiff zu gelangen.

 

Regel Nr. 3: Wenn sich Crew-Mitglieder der Sea-Eye mit einem Schlauchboot dem Flüchtlingsschiff nähern, um Rettungswesten zu übergeben, tun sie das über die Schmalseite am Heck, wo der Motor ist und niemand über Bord springt. Sind die Westen verteilt, ist die erste Panik vorüber und man kann mit dem Verteilen von Wasser, Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kleidung gegen die Auskühlung beginnen.

 

Das ist die Theorie. Doch die Praxis kann alles über den Haufen werfen. Das fängt schon damit an, dass die Küstenwache den Seenotfall möglicherweise anders beurteilt als die Retter. Für manche ist ein Schiff, das bei ruhigem Wetter noch schwimmt, kein Grund zum Eingreifen – auch wenn die Bordkante nur ein paar Zentimeter über der Wasserlinie liegt, die Vorräte zur Neige gehen und der Sprit nur für ein paar Seemeilen reicht. Und auch das Verhalten der Menschen an Bord lässt sich schlecht im Voraus berechnen. Die meisten können nicht schwimmen. Bei jeder falschen Bewegung des Bootes kann Panik ausbrechen. Für den Fall hat die Sea-Eye Rettungsinseln für 300 Personen an Bord, die sich innerhalb von Sekunden aufblasen. Eine Kammer auf dem Schiffsdeck enthält alle wichtigen Instrumente zur Reanimation und Behandlung von Schwerverletzten.

 

„Die Schleuser sitzen an der Küste und beobachten mit elektronischem Gerät den Schiffsverkehr“, erklärt Michael Buschheuer. „Fangen sie ein Transpondersignal auf – etwa von einem Frachter – dann setzen sie bei geeignetem Wetter ihre Schiffe ins Wasser. Sie sagen den Menschen: ‚Fahrt in die oder die Richtung. Und wenn ihr das Schiff seht, macht auf euch aufmerksam.“ Es ist der Versuch, mit einem langsamen Pfeil ein bewegliches Ziel zu treffen. Klappt es mit dem Rendezvous nicht, ist es meist vorbei. „Die kürzeste Strecke von Tunesien nach Lampedusa beträgt 130 Kilometer. Das ist mit Schlauchboot und Außenbordmotor ohne seemännische Kenntnisse nicht zu schaffen.“

 

Hier kommt die Sea-Eye ins Spiel. Für die Operation hat Buschheuer einen eigenen Verein gegründet. Wechselnde Crews, bestehend aus Freiwilligen, sollen die Mission begleiten. Was er vor allem braucht, sind erfahrene Seeleute, Kapitäne und Maschinisten, die für jeweils zwei bis drei Wochen an Bord gehen. Deswegen ist auch Djerba als Liegeplatz angepeilt. Hier kann über den internationalen Flughafen der Austausch der 8-köpfigen Crews preiswert und problemlos vonstattengehen. Inzwischen hat er die Zusage eines pensionierten Kapitäns, aber auch Maschinenbauingenieure, ein ehemaliger Unfallchirurg und eine Krankenschwester wollen an Bord gehen. Dutzende haben sich schon – unentgeltlich – für den Einsatz verpflichtet, ein Drittel der Crew ist inzwischen komplett. Von Land aus hilft der Onkel, der ehemalige Chefredakteur des Berliner Kuriers und jetzige Vorsitzende des Berliner Journalistenverbands, Hans-Peter Buschheuer. Er organisiert die Pressearbeit, hilft bei der Akquirierung von Spenden. Denn noch fehlt Geld, um die Überfahrt und die laufenden Projekt-Kosten von „Sea Eye – Wind of Change“ zu finanzieren. Allein für den Diesel werden demnächst 30.000 Euro fällig.

 

Doch der Wind hat sich nach den Silvester-Exzessen in Köln gedreht. War es schon vorher nicht immer leicht, Unterstützung für sein Projekt zu erhalten, schlägt ihm jetzt mitunter blanker Hass entgegen. „Draufhauen“ solle man auf die Schiffbrüchigen, war ein Satz, den er gehört hat – oder: „Wer nicht schwimmen kann, ist selber schuld.“ Erschreckend! Denn egal, wie man zu der Frage steht, wie viel Flüchtlinge das Land verträgt und wie viel von einer Kultur, der viele zu Recht vorwerfen, dass sie selbst wenig Respekt für das Leben aufbringt: „Menschen ertrinken zu lassen, bedeutet moralisches Versagen und ist durch nichts zu rechtfertigen“, so Michael Buschheuer.

 

Rettung von Schiffbrüchigen gehört nicht nur zu den ungeschriebenen Gesetzen guter „Seemannschaft“ – etwa wie „Frauen und Kinder zuerst“ – es ist internationales Seerecht. Wer nicht hilft, macht sich strafbar. „ich verstehe nicht, wie man über diese Frage diskutieren kann, das ist ein einfach ein Gesetz der Humanität“, so Buschheuer. Gegen den Vorwurf, selbst zum Schleuser zu werden, wehrt er sich vehement: „Ich bin kein Taxi. Ich rette Leben.“ Deshalb möchte er auch, dass die Küstenwache den weiteren Transport der Flüchtlinge übernimmt.

 

Am 22. Februar geht es los. Bis dahin wird die 26 Meter lange „Sea-Eye“noch einmal in einer Werft überholt. Funkanlage, Dieselmotor, Notstromaggregate müssen überprüft, die Außenhaut gereinigt und gegen Algenbewuchs imprägniert werden. Über 30 junge Leute aus Rostock haben sich gemeldet, schrubben, schrauben und schweißen, um das Schiff pünktlich auf die Reise zu schicken. Allein 25.000 Euro hat Buschheuer dafür eingeplant. „Doch jeder Mensch, den ich rette, ist das Geld wert.“

 

Karl-Hermann Leukert

 

Kontakt: www.sea-eye.org

 

Spenden: Konto Sea-Eye e.V.

IBAN: DE60 7509 0000 0000 0798 98 BIC: GENODEF1R01

Kreditinstitut: Volksbank Regensburg Stichwort: „Sea-Eye“

 

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Das Silvester der Denkverbote

Kölner-HH-2

von Till Nikolaus von Heiseler

Das Jahr 2015 markiert den Anfang vom Ende Europas. Das Jahr, das von Denkverboten bestimmt ist und in dem sich eine brutale Selbstzensur der Presse etabliert hat. Nur mit systemtheoretischen und poststrukturalistischen Modellen können wir verstehen, was hier passiert. Unser Steinzeitgehirn und unser Gefühl für Gut und Böse reichen dafür nicht aus.

In der Silvesternacht rotten sich etwa 1000 „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ (Focus) zusammen und vergewaltigen, demütigen und bestehlen Dutzende von Frauen. Mitten im Zentrum der Zivilisation: in Kölns Innenstadt, in der Nähe des Bahnhofs. Es ist ein kleiner Skandal, dass dies passiert. Doch ein großer Skandal ist, dass es vier Tage dauert, bis die sogenannte seriöse Presse darüber berichtet. Die Nachricht war auf Blogs und in sozialen Medien sofort präsent. Die Quellen waren so fragwürdig, dass ich mir nicht sicher war, ob es sich nicht um hetzerische Falschmeldungen handelte. Erst am Abend des 4. Januars erschienen Berichte in den Online-Versionen von Spiegel und Zeit. Dies zeigt: Wir haben de facto keine Pressefreiheit mehr in Deutschland. Denn wenn die sogenannte seriöse Presse 4 Tage braucht, um über eine sexuelle Übergriffe durch 1000 „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ vor dem Kölner Bahnhof zu berichten, und dies schließlich allein auf Druck von Bloggern geschieht, erscheint Putins Russland als ein Paradies der freien Meinungsäußerung. Übertrieben? Wenn es vor dem Moskauer Bahnhof zu einer solchen Szene gekommen wäre und Putin alles dafür getan hätte, dass dies nicht in der Presse erscheint, hätte er wenig Erfolg damit gehabt.

Das Problem ist, dass die Welt immer komplexer wird und wir mit dem Gehirn, das wir in der Steinzeit entwickelt haben, zurechtkommen müssen. Dieses Gehirn ist auf moralische Bewertung ausgerichtet und an skandalösen Geschichten interessiert. Es interessiert sich für Handlungen, die besonders heldenhaft oder selbstlos sind, und für Handlungen, die als besonders brutal und böse erscheinen. Wenn wir mit diesem Steinzeitgehirn soziale Netzwerke benutzen, entsteht eine bestimmte Dynamik: die Selbstprofilierung als guter Mensch. Es gab einen Artikel im Focus, der dafür warb, dass PEGIDA-Anhänger und Gutmenschen mehr Verständnis füreinander haben sollten, denn beiden würde Deutschland am Herzen liegen. Genau dieses „am Herzen liegen“ ist das Problem. Denn in der Tat haben Gutmenschen und PEGIDA-Anhänger mehr gemeinsam, als sie glauben: Sie wollen gut sein. Sie leben in einer Welt von Gut und Böse – gemäß ihren Steinzeitgehirnen.

Machen wir ein Experiment mit unseren Steinzeitgehirnen. Ich schreibe jetzt zwei Abschnitte. Im ersten Abschnitt schreibe ich weiter über die Vorkommnisse und über Dinge, die man mit dem Schema von Gut und Böse behandeln kann, und in einem zweiten Absatz schreibe ich darüber, wie man die Dinge so betrachtet, dass man die Probleme vielleicht lösen kann. Wenn die Leserin oder der Leser den ersten Absatz liest, wird das Belohnungssystem ihres oder seines Gehirns mit entsprechenden Botenstoffen bombardiert. Das Bewusstsein ist wach, es entsteht der Wunsch weiterzulesen. Im zweiten Absatz wird das Belohnungssystem abgestellt. Hier werden neue Betrachtungsweisen vorgeschlagen. Mit ihnen können wir vermutlich einige Probleme, die in Europa auf uns zukommen, besser verstehen, und dennoch werden wir uns beim Lesen dieses Abschnitts langweilen. Denn dafür sind unsere Gehirne nicht gemacht.

Abschnitt I: Ich wohne in Berlin in der Nähe der Kurfürstenstraße. Hier ist der Straßenstrich. Wenn ich vor die Tür gehe, fragen mich die Mädels: „Blasen?“ oder „Hast du Lust – ficken?“ und rufen mir dann ihre Preise hinterher. Als ich gegen neun Uhr abends in der Silvesternacht einmal ums Karree ging, habe ich lautes Stöhnen aus dem abgesperrten Park gehört und gedacht, dass hört sich ja fast nach einer Vergewaltigung an. Ich habe nicht die Polizei gerufen, weil ich Sexarbeiterinnen, die hier ihrem Gewerbe nachgehen, grundsätzlich nicht anzeige. In der Genthiner Straße dann, die am Ende des Parks beginnt, traf ich die ersten. Es waren vielleicht 30. Einer von ihnen warf sich immer wieder auf den Boden und schrie und weinte. Die andern versuchten ihn aufzuheben und drängten sich um ihn. Ich verstand die Szene nicht. Als ich einfach weiterging, machten sie Platz. Ich guckte niemanden an, um nicht zu provozieren, denn es handelte sich um „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“.

Die Kurfürstenstraße war wie leergefegt. Kein einziges Mädchen war zu sehen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Stattdessen standen zweihundert „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ in zwei oder drei großen Trauben auf dem Bürgersteig. Ich weiß nicht genau, was hier vorgefallen ist, doch nehme ich an, dass, wenn ungarische, bulgarische und rumänische Frauen, die hier anschaffen, vergewaltigt werden, unser Rechtsstaat überfordert ist. Er schafft es ja nicht einmal, Frauen in der Innenstadt Kölns zu schützen. Außerdem ist anzunehmen, dass die Frauen, die auf der Kurfürstenstraße anschaffen, keine Anzeige wegen Vergewaltigung erstatten. Ist hier etwas Ähnliches vorgefallen?

In einem Nebensatz erwähnte die Polizei, als sie über die Übergriffe in Köln berichtete: „Ähnliche Attacken fanden auch in Hamburg und Stuttgart statt.“ Wie bitte? Sind es doch keine organisierten Banden, sondern ist das vielleicht einfach nur ausgelassen feiern auf Nordafrikanisch?

Das also ist der erste Abschnitt. Die Informationen sind eher mager. Ein bisschen Sex, ein bisschen persönliche Erzählung. So, wie es heute im Selfie-Journalismus üblich geworden ist. Am Ende dann die wichtige Information, dass Ähnliches in Hamburg und in Stuttgart stattgefunden hat und es auch dort zu Übergriffen kam, und dann die polemische Pointe „ist das einfach ausgelassen feiern auf Nordafrikanisch“? – das würde in der sogenannten seriösen Presse der Zensur zum Opfer fallen und das mit einem gewissen Recht, denn Nordafrika ist groß und nur, weil in Deutschland Hunderte oder Tausende „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ Frauen vergewaltigen, demütigen und bestehlen, kann man nicht Männer, die aus einer bestimmen Region stammen, unter Generalverdacht stellen. Was also dieser Satz braucht, um den Gedanken, den er enthält, auszudrücken, ist eine größere Genauigkeit und eine Einschränkung. Die Frage, die dahintersteht, ist: Entstehen unabhängig voneinander mehr oder weniger spontan Szenen wie am Kölner Hauptbahnhof? Dann würde es sich hier um eine Art kultureller Vererbung von sexueller Gewalt handeln, ausgehend von Gruppen „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammender Männer“. Eine Frage, über die man nur spekulieren kann. Die aber dennoch wert ist, untersucht zu werden. Doch geht es uns hier um etwas ganz anderes, nämlich darum, wie bei der Frage „Ist das einfach ausgelassen feiern auf Nordafrikanisch?“ bei jedem Leser ein Motor in seinem Steinzeitgehirn anspringt. Entweder: „Richtig so, alles Vergewaltiger!“ oder „Was für ein rassistisches Arschloch!“ Warum springt hier der Motor an? Weil man diese Aussage mit dem Schema Gut/Böse behandeln und damit den Autor als Freund oder Feind einstufen kann. Und genau dies ist das Problem: Wir brauchen nicht mehr Moral, sondern weniger. Sexuelle Gewalt ist ein moralisches und oft religiöses Problem. Es handelt sich hierbei nicht um eine Annäherung, sondern um eine Abwehr des eigenen Begehrens. Die moralische Entrüstung die ich für die nächsten Tage voraussehe, ist nicht das  Gegenteil der Übergriffe, sondern eine Wiederholung der Gewalt.

Kommen wir nun zu dem zweiten Absatz, der unser Steinzeitgehirn nicht mit dem Ausschütten von entsprechenden Botenstoffen belohnen wird. Ich bitte die Leserin oder den Leser zu beobachten, wie ihr oder sein Interesse schwindet, und dies, obwohl es sich hier um Gedanken handelt, die Probleme lösen könnten. Um nämlich mit unserem Steinzeitgehirn die Welt zu verstehen, brauchen wir theoretische Konzepte, mit deren Hilfe wir komplexe Zusammenhänge verstehen können. Diese Modelle kommen nicht ohne ein gewisses Maß an Abstraktion aus.

Abschnitt II: Beginnen wir mit einer kleinen hyperbolischen Einleitung: 2015 ist das Jahr, in dem ein Journalist wegen eines Smileys auf Facebook seinen Job verlor. Es ist das Jahr, in dem es faktisch keine Pressefreiheit mehr gibt, weil die Selbstzensur der Medien stärker wirkt als jede staatliche Zensur in einem totalitären System. Um dies und anderes zu begreifen, bedarf es gewisser Theorieinstrumente und gewisser Definitionen, mit denen wir dann arbeiten können.

(1) Die erste Definition besteht in der Unterscheidung zwischen einer Gesinnungsethik oder auch wertebasierten Moral und einer Moral, die auf die Wirkungen des eigenen Handelns sieht. Diese wird auch utilitaristische Moral genannt und ist mit den englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) verbunden. Eine Handlung ist dann gut, wenn sie dazu führt, dass möglichst viele Menschen möglichst glücklich sind und von möglichst vielen Menschen Unglück abgewendet wird. Mill bemerkt dazu ergänzend, dass ein unzufriedener Mensch einem zufriedengestellten Schwein vorzuziehen sei und es besser sei, ein unzufriedener Philosoph als ein zufriedener Idiot zu sein.

Die wertebasierte Moral dagegen orientiert sich an gewissen Werten, d.h. daran, was man tun soll und was man nicht tun darf. Die Frage ist natürlich, woher sollen diese wertebasierten Regeln kommen, wenn nicht von Gott? Wenn wir also aufgeklärt sind und weder an den Weihnachtsmann noch an Gott glauben, dann kann es nur eine utilitaristische Moral geben. Hier aber beginnt das Problem: Woher sollen wir wissen, wie sich unsere Handlungen auswirken? Die Chaosforschung machte von sich reden, als sie zeigen konnte, dass ein Schmetterlingsflug im südlichen Kalifornien theoretisch einen Schneesturm in Sibirien auslösen kann. Nehmen wir an, jemand schießt auf einen Salafisten, der explodiert, denn er war gerade auf dem Weg zu einem Selbstmordanschlag und hatte einen Sprengstoffgürtel unter seiner Kleidung versteckt. War dies eine gute Tat, selbst dann, wenn sie aus einem rassistischen Hass auf Araber geschah? Ein radikaler Utilitarismus würde sagen: ja. Aber löst sich dann nicht jegliche Moral auf? –

Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir eine andere Frage stellen und diese lautet: Was können wir aus dem Utilitarismus lernen? Erstens: Es wäre falsch zu glauben, dass aus Guten immer nur Gutes und aus Schlechtem immer nur Schlechtes entsteht. Wenn dies so wäre, dann müsste alles Gute am Ende auf das Gute an sich, also auf Gott zurückgeführt werden – ein Gedanke den Nietzsche am Anfang seines Buches Jenseits von Gut und Böse entwickelt. Die Vorstellung von dem Guten und Bösen an sich nennen wir Moralfundamentalismus und in ihm gleichen sich Gutmenschen, Nazis und islamische Terroristen: Sie glauben, dass eine Handlung gut oder schlecht ist (und nicht nur Gutes oder Schlechtes bewirkt). [Hier reagieren unsere Steinzeitgehirne wieder: kann man Gutmenschen mit Nazis und Terroristen gleichsetzen? – Ja, das kann man, wenn man eine Gemeinsamkeit findet und die findet man darin, dass sie alle drei glauben, Gutes zu tun. Wir werden darauf zurückkommen.] Die zweite Konsequenz des utilitaristischen Gedankens ist, dass es der Forschung bedarf. Wenn wir wissen wollen, wie unsere Handlungen sich auswirken, brauchen wir zuerst eine Theorie, mit deren Hilfe wir gesellschaftliche Entwicklung beobachten können. Dazu allerdings müssen wir zweierlei verstehen: die Struktur der Gesellschaft und die menschliche Natur. Wenn wir etwas Gutes bewirken wollen, müssen wir uns mit Gesellschaftstheorien auseinandersetzen. Das Problem besteht in der Komplexität der Gesellschaft. Die Soziologie regiert auf dieses Problem mit Theorie. Theorie ist also dafür da, komplexe Zusammenhänge durch sie zu beobachten, indem sie „auf die richtige Weise“ die Komplexität der Sachverhalte reduziert, so oder ähnlich der deutsche Soziologe Niklas Luhmann. An die Stelle des instinktiven Gut/Böse-Schemas tritt dann eine Theorie als Beobachtungsinstrument und eine funktionale Beschreibung von Gesellschaft. Angesichts unseres Steinzeitgehirns verzichte ich hier auf weitere Ausführungen und beschränke mich auf einen einzigen Satz: Die Gesellschaft muss man betrachten wie eine Zeichnung von Schaltkreisen mit dem Interesse daran, sie zu verstehen. Vermeiden müssen wir Zurechnungen auf Personen und moralische Urteile.

Der dritte Punkt betrifft die Praxis des Utilitarismus, also jener Moral, die für einen aufgeklärten Menschen die einzig mögliche ist. Das Problem ist, dass man – wie wir oben gesehen haben – theoretisch jede Handlung mit dem utilitaristischen Gedanken rechtfertigen kann. Das Glück der Vielen erscheint als Konzept zu vage um von ihm konkrete Verhaltensregeln abzuleiten. Forschung braucht Zeit, aber handeln müssen wir hier und jetzt. Der Utilitarismus ist also nicht durchhaltbar, sondern es bedarf in der Praxis gewisser Werte, auf die man sich einigen muss und die man sowieso nicht abschaffen kann, da wir anderen Menschen und uns selbst für gewisse Tätigkeiten und Unterlassungen Achtung und Missachtung zurechnen. [unsere Steinzeitgehirne sind hier auf dem Tiefpunkt angekommen: gähn!] Der Unterschied zu einer werteorientierten Moral besteht darin, dass die Werte nur als Vermittlungsinstanz eingeführt werden und deshalb immer in Hinblick auf ihre Wirkung hinterfragt werden müssen. Dies ist das genaue Gegenteil des unausgesprochenen Credos der Gutmenschen, das da heißt: „Ich bin gut – und nach mir die Sintflut.“

Wir hatten gesagt, dass Gut und Böse an sich einen Gott verlangt und dass wir uns, wenn wir aufgeklärt sind, damit auch von Gut und Böse an sich abwenden müssen. Das Problem ist, dass es uns mit unseren Steinzeitgehirnen nicht ganz und gar gelingt. Wir nehmen an, dass hinter den Dingen etwas steht. Macht, denken wir, bedeutet, dass jemand mächtig ist. Wenn es also keine Pressefreiheit gibt, dann muss es einen bösen Diktator geben, der die Pressefreiheit einschränkt. Diese Annahme lässt sich evolutionsbiologisch erklären. Die Intelligenz der Primaten ist als soziale Intelligenz entstanden. Alles, was komplex ist und nicht mechanisch erklärt werden kann, verstehen wir als das Wirken von Agenten. Wir nehmen also an, dass Missstände von den Mächtigen bewusst erzeugt werden. Damit kommen wir auch wieder zu unserer Lieblingsbetrachtungsweise: dem Schema von Gut und Böse. Der französische Psychologe und Philosoph Michel Foucault hat ein anders Konzept von Macht entwickelt. Zunächst einmal stellt er klar, dass es kein Außerhalb der Macht gibt, dass man also selbst immer auch Teil der Struktur ist, die man beschreibt. Deleuze (1993) stellt zwei von Foucault entwickelte Machtkonzepte einander gegenüber: Die Macht der Disziplinargesellschaft, diese ist dem 18. und 19. Jahrhundert zugeordnet und erreicht ihren Höhepunkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gibt hier eine reale Macht, die Interessen verfolgt, und diese Macht wird über Einschließungsmilieus organisiert: über Schule, Kaserne, Fabrik, Klinik, Gefängnis usw. Dagegen steht die Kontrollgesellschaft, die mit Selbstkontrolle, Verflüssigung, Sehnsüchten und Manipulation in offenen Verhältnissen zu tun hat. Es gibt hier kein mächtiges Subjekt, sondern die Macht liegt in der Struktur und der freiwilligen Teilnahme. Mit ihr können wir erklären, wie wir auf eine Diktatur ohne Diktator zusteuern, wie die Selbstzensur der Medien in Deutschland die Zensur in Ländern wie Ungarn, Polen und Russland in der Praxis überbietet: Demokratie wird in der Systemtheorie als ausdifferenzierte Gesellschaft beschrieben, d.h. Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft sind getrennte selbstreferenzielle Teilsysteme der Gesellschaft. Eine wissenschaftliche Äußerung hat keinen Machtanspruch. Und der Rechtsstaat besteht darin, dass Moral und Recht nicht das gleiche sind. Wenn eines der Systeme alle anderen dominiert, entsteht ein totalitäres System. Politische Totalität kennen wir als die klassische Diktatur. Eine Zeitlang bestand die Befürchtung, dass die Wirtschaft alle anderen Bereiche dominieren würde und die Politik zum Diener der Wirtschaft werden könnte. Nun aber steuern wir durch die Selbstorganisationen in sozialen Medien und einer Politik, die sich dem Moralisieren der Massen unterwerfen muss, auf die Diktatur der Moral zu. Die Zensur also, die wir im Augenblick erleben ist das Ergebnis des Moralisierens, also der naiven Verwendung des Gut/Böse-Schemas. Was können wir gegen Denkverbote tun? Wir müssen mit Foucault davon ausgehen, dass wir selbst den Denkverboten unterliegen. Wie können wir also das Undenkbare denken? Indem wir zunächst verbotene Sätze formulieren und uns dann in einem zweiten Schritt fragen, ob sie die Grundlage einer verbotenen Diskussion sein könnten. Welche sind die verbotenen Sätze, die wir in unserem eigenen Kopf zensieren würden? Lasst uns dies gemeinsam tun! Was sind verbotene Gedanken? Bitte hier auf der Seite kommentieren oder auf Twitter unter dem Hashtag #VerboteneGedanken.

Und die Moral von der Geschicht’? – Wenn du Gutes tun willst, entwirf eine Zukunft für Europa. Wie soll Europa in 200 Jahren aussehen? Versuche die Welt mit kühlem Kopf zu verstehen. Und moralisiere nicht, denn mit jeder Verwendung des Gut/Böse-Schemas, mit jeder moralischen Empörung (auch gegenüber den Tätern der Silvesternacht) wächst die Macht, die die Grundlage der Denkverbote bildet.

Till Nikolaus von Heiseler ist Autor und Philosoph. 2013 erschien sein Buch „Friedrich Kittlers Flaschenpost“. In den Jahren 2008-2015 führte er ein Forschungsprojekt zur Entstehung der Sprachfähigkeit des Menschen durch. ((((Twitter)))

Kölner-HH

 

Morgen, GEMA, wird`s was geben

Lion with headphonesWenn der 5jährige Benjamin mit seiner Kita zum Laternenbummel ins vorweihnachtliche Berlin ausrückt, um ein kräftiges „Rabimmel, Rabammel, Rabumm“ erklingen zu lassen, weiß er nicht, dass wenn Mammi Lied- und Notenkopien zum mitsingen erhält, nicht nur die Laternen sondern vor allem die „Augen“ der GEMA leuchten. 55 Euro und 7 Prozent Mehrwertsteuer zahlt ein Kindergarten für 500 Kopien im Jahr.

Es gibt wohl kaum eine Gesellschaft, die nach der GEZ verhasster ist als die GEMA. Kurz nach dem Krieg hervorgegangen aus der nationalsozialistischen, von Juden bereinigten STAGMA nimmt sie die Verwertung „musikalischer Aufführungs- und mechanischer Vervielfältigungsrechte“ für die ihr angeschlossenen Urheber wahr und hat inzwischen durch zahllose Verträge mit in- und ausländischen Verwertungsgesellschaften ein geradezu monströses Monopol geschaffen, gegen das in seiner nahezu lückenlosen Abdeckung große Monopole aus der Stahl- und Energiebranche wie Waisenknaben aussehen. Das Kartellamt ist machtlos. Selbst große Weltkonzerne wie Sony, Google und Amazon fürchten inzwischen die Macht des Verwertungs-Riesen aus Deutschland!

So vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendeine weitere Episode aus der ohnehin an Absurditäten nicht gerade armen GEMA-Geschichte bekannt wird: Mal ist es eine türkische Hochzeit, auf die sich ein GEMA-Kontrolleur geschlichen hat, um auf diese Weise den öffentlichen Charakter der Veranstaltung zu beweisen, mal ist es ein Singkränzchen dementer Seniorinnen, die Post von der GEMA bekamen, weil sie ihre Musikfolgen nicht zur Genehmigung eingereicht hatten. Und vollkommen undurchschaubar wird es, wenn der Tabellendschungel der GEMA mit pauschalierten Flächenberechnungen, Prozentanteilen von Einnahmen und sogar Lautstärkemessungen zur Anwendung kommt. Da werden plötzlich Flüsterkneipen zur Eventgastronomie hochgejazzt – nur weil, wie etwa in der Nürnberger „Blume aus Hawaii“, der Kontrolleur 95 Dezibel gemessen haben will. Das entspricht einem Drucklufthammer in ein Meter Entfernung. Und kostet laut GEMA-Tabelle mehr als das Dreifache der vorherigen Gebühren.

„Dreh Dich nicht um, der GEMA-Kommissar geht um!“, heißt es mittlerweile in Kneipen zwischen Flensburg und Rosenheim. Kritik wie vom Gastronomieverband DEHOGA bügeln GEMA-Obere wie der ehemalige Rattles-Sänger und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Frank Dostal als „Bullshit“ ab: „ Wir sagen, was wir wollen, genauso wie es Lokführer tun. Werden die dann mit Scheiße beschmissen?“ Nein! Vielleicht auch, weil deren Wortwahl nicht ganz so fäkal ist wie die aus dem Hause GEMA.

Durch ihre harte und für den Laien vollkommen undurchsichtige Preispolitik hat die GEMA den entgegengesetzten Effekt erreicht: Statt möglichst viele Veranstalter zu GEMA-Zahlern zu machen, hat sie das musikalische Leben in Deutschland nahezu ausgetrocknet. Während große Veranstalter, Diskotheken, Rundfunksender, Kirchen und Schulen die Gebühren über Rahmenverträge aus der Portokasse zahlen, sind die zahllosen Kulturinitiativen auf kommunaler Ebene oft auf Spenden und ehrenamtliche Tätigkeiten angewiesen. Geld und Zeit für die GEMA hat da niemand übrig. Lieber verzichten Weihnachtsmärkte und Dorffeste, Scheunenparties und Wohltätigkeitsbasare auf musikalische Untermalung, als sich mit den GEMA-Kontrolleuren anzulegen. Leidtragende sind die kleinen Musiker.

Dabei haben die meisten Veranstalter nichts gegen Zahlungen an die Urheber der Musik, nur ist für viele nicht nachvollziehbar, warum bei einem Weihnachtsmarkt die Gesamtfläche zur Berechnung herangezogen wird und nicht der Hörbereich um eine Bühne. Selbst die renommierte Großveranstaltung Fête de la Musique mit über 1000 Bühnen in 50 deutschen Städten, auf denen ohne Eintritt und honorarfrei Musik angeboten wird, ist in ihrer Existenz bedroht, weil – so der Vorwurf der Organisatoren – sie von der GEMA behandelt werden wie ein kommerzieller Konzertveranstalter.

Längst gehen nicht nur die GEMA-Nutzer auf die Barrikaden, auch die Mitglieder sind über das undurchsichtige Abrechnungssystem, das vor allem die großen Stars zu begünstigen scheint, sauer. Der Sprecher des Rock & Pop-Musiker-Verbands (DRMV), Ole Seelenmeyer, kritisiert, dass ein neues Abrechnungsverfahren in einer Nacht- und Nebelaktion ohne Mitgliederentscheid vom Vorstand durchgesetzt wurde, von dem hauptsächlich „dessen Mitglieder, so auch dessen damaliger Vorsitzender Otto Krause“ profitieren. „Diesem wirft er Ausbeutung und persönliche Bereicherung vor, da er mitunter das 100fache der für die Aufführung seiner alten Schlager eingenommenen Lizenzgebühren kassiere, während Rockmusiker nur 10 % der eingezahlten Lizenzgebühren zurückerhielten.“ (Quelle: Wikipedia)

Die Independent-Musikerin Barbara Clear machte sogar die Probe auf’s Exempel. Die Sängerin, die als Veranstalterin ihrer eigenen GEMA-pflichtigen Werke auftritt, behauptetweit mehr an Veranstalter-Gebühren für ihre Songs gezahlt zu haben, als sie als Urheberin aus dem Topf zurück erhielt. Wo ist das Geld? In den Taschen alter Schlager-Funktionäre?

Dass sich die GEMA dieses Verhalten leisten kann, liegt vor allem an ihrer beherrschenden Stellung auf dem Musikmarkt, die sogar dazu geführt hat, dass ein eherner Rechtsgrundsatz in Deutschland umgekehrt wurde: jede Partei trägt die Beweislast für die tatsächlichen Voraussetzungen der ihr günstigen Rechtsnorm. Der BGH hat schon mehrfach klargestellt, dass angesichts der Tatsache, dass die GEMA durch ihre Gegenseitigkeitsverträge mit in- und ausländischen Gesellschaften einen Ausschließlichkeitsanspruch für Tanz- und Unterhaltungsmusik erworben habe, es dem Nutzer zuzumuten sei, zu beweisen, dass er keine Musik aus dem GEMA Repertoire verwende. Zunächst wird deshalb erst einmal vermutet, es handele sich um Tanz- und Unterhaltungsmusik deren Rechte von der GEMA wahrgenommen werden.

Diese sogenannte GEMA Vermutung kollidiert eigentlich mit § 13b Abs. 1 aus dem Urheberrechtswahrnehmungsgesetz (UrhWG), in dem es heißt: „Veranstalter von öffentlichen Wiedergaben urheberrechtlich geschützter Werke haben vor der Veranstaltung die Einwilligung der Verwertungsgesellschaft einzuholen, welche die Nutzungsrechte an diesen Werken wahrnimmt.“ Nun könnte man auf die Idee kommen, dass die Pflicht zur Einholung der Einwilligung bei GEMA-freier Musik entfällt, doch die GEMA Vermutung führt dazu, dass bei jeder Aufführung von Musik aus dem Tanz- und Unterhaltungsbereich davon auszugehen ist, es handele sich um Musik aus dem GEMA Repertoire. Die Wiedergabe muss deshalb generell bei der GEMA angezeigt werden. Ob die Nutzungsrechte von der GEMA wahrgenommen werden oder nicht, spielt keine Rolle.

Die Anzeigepflicht zieht dann die Programmpflicht nach sich. Hierbei muss die GEMA nach der Veranstaltung vom Veranstalter über die wiedergegebene Musikfolge informiert werden. Verletzt der Veranstalter eine seiner Pflichten, verlangt die GEMA bei den sog. kleinen Musikrechten Schadensersatz mit einem 100%igen Aufschlag auf den eigentlichen Tarif. Sie beruft sich dabei auf § 97 Urheberrechtsgesetz (UrhG), wonach dem Urheber bei Verletzung Schadenersatz zusteht. Dieser Kontrollzuschlag wird von der GEMA für den zu leistenden Kontrollaufwand gefordert und ist von den Richtern abgesegnet. Er sei zum Schutz des geistigen Eigentums, welches besonders leicht verletzt werden könne, notwendig.

In der Praxis hat dies zu einer großen Rechtsunsicherheit geführt. Kaum ein Veranstalter, der noch weiß, wann er was wie zu tun hat, um sich GEMA-getreu zu verhalten. Die GEMA nutzt dieses Chaos aus und verschickt Rechnungen mit Kontrollzuschlag im großen Stil, sobald sie einen Verstoß wittert – und verhält sich dabei nicht viel anders als die berüchtigten Abmahnvereine. Im Zweifel zahlt der Veranstalter, auch wenn es keine Rechtsgrundlage für die Forderung gibt.

Spielt ein Veranstalter ausschließlich klassische Musik aus Originalkompositionen, bei denen die Komponisten länger als 70 Jahre tot sind, kann er die Rechnungen beispielsweise getrost in den Papierkorb werfen. Da es sich hier eindeutig nicht um Tanz- und Unterhaltungsmusik, sondern um ernste Musik handelt, entfällt die sogenannte GEMA-Vermutung und es muss vor der Aufführung auch um keine Genehmigung gebeten werden. Dasselbe gilt für alte unbearbeitete Kinder-, Volks- und Weihnachtslieder, die als Volkseigentum ebenfalls nicht zum GEMA-Repertoire gehören.

Zum Jahresanfang hat die GEMA angekündigt, die Aufnahmegebühr für Urheber drastisch anzuheben, um satte 76 %. Sie begründet dies damit, „ihren Mitgliedern in einem zunehmend digitalen und komplexer werdenden Umfeld auch weiterhin qualitativ hochwertige Leistungen anzubieten.“ Im Klartext heißt das wohl so viel wie: Nach dem die emsigen GEMA-Kontrolleure jedes Wochenblatt, jede noch so winzige Veranstaltungsspalte in einem Programmblättchen nach verdächtigen Konzerten durchforstet haben, werden sie sich im nächsten Jahr wohl vor allem das Internet vornehmen. Wehe dem, der da als Musiker seine eigene Musik zum kostenlosen Download anbietet. Denn selbstverständlich muss er auch hier erst einmal die GEMA um Erlaubnis fragen und gegebenenfalls Gebühren zahlen, sofern er selbst einen Wahrnehmungsvertrag mit der GEMA geschlossen hat. Denn, was viele nicht wissen, die Urheber schließen mit der GEMA in der Regel einen Exklusivvertrag ab.

In einem Land, in dem das Kartellamt mit Argusaugen darüber wacht, dass sich keine marktbeherrschenden Zusammenschlüsse bilden, hat sich fast unbemerkt ein mächtiges Monopol gebildet, das inzwischen so stark ist, dass es ein eigenes Recht erschaffen hat und auch das Kulturleben maßgeblich beeinflusst. Deutschland ist vielleicht noch das Land der Dichter und Denker. Das Land der Musiker ist es seit der GEMA nicht mehr!

Islam – No Direction Home!

Bildschirmfoto 2015-11-20 um 01.00.46Es ist ein bekanntes Ritual, das jedem Terror-Anschlag mit islamistischem Hintergrund folgt. Kaum ist die Trauerzeit vorbei, schlägt die Stunde der Flagellanten. Prominente Büßer erobern die Sendeplätze und üben sich in öffentlicher Selbstgeißelung. Nicht der Islam sei schuld, sondern wir, die wir den Nahen Osten mit Krieg überziehen, Waffen liefern und somit die Terroristen selbst hervorgebracht hätten. Fehlt nicht viel – und die Überlebenden des Massakers müssen um Entschuldigung bitten, dass durch sie wieder einmal ein Schatten auf die Hochglanz-Idylle der multikulturellen Gesellschaft gefallen ist.

Zum Glück sehen es die Muslime selbst etwas entspannter. Millionen von ihnen verurteilten den Terror mit den knappen Worten: „Nicht in unserem Namen“. Das ist gut so! Falsch ist jedoch der nun schon bis zum Erbrechen wiederholte Zusatz, den alle hochrangigen Islamvertreter und ihre Verteidiger wie ein Mantra vor sich hertragen: „Das hat mit dem Islam nichts zu tun“. Zum Beweis werden Suren zitiert, die einen anderen friedlicheren Islam verkünden, als es der Islamische Staat praktiziert.

Doch bei näherem Hinschauen zerbröselt diese Kuschel-Offensive für den Koran. Oft sind die Passagen aus dem Zusammenhang gerissen, haben eine andere Bedeutung als behauptet, gelten nur in der Umma oder – anders herum – nur für die Vasallen, denen man Regeln auferlegte, um sie besser zu beherrschen. Besonders sinnfällig ist das bei der berühmten „Friedenssure“ 5,32, die in keiner Talkshow über die angebliche Gewaltlosigkeit des Korans fehlen darf: „Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (daß es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte.“ Das klingt schwer nach einem Bibelwort und gefällt daher den Christen. Und das ist kein Zufall: Mohammed hat diese Regel den Juden auferlegt, denn der entscheidende Zusatz, den fanatische Islamflüsterer wie Jürgen Todenhöfer praktischerweise immer weglassen, lautet: „Aus diesem Grunde haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wer ein menschliches Wesen tötet … usw.“ – also ein Befehl! Dass diese Regel nicht für Muslime gilt, erfährt man einen Vers weiter: 5, 33: „Der Lohn derjenigen, die Krieg führen gegen Allah … ist indessen (der), dass sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden“ – also so, wie man den Islam aus der Geschichte kennt und liebt. Denn seit Mohammeds Kampf gegen die Quraish 624 n. Chr. ist der Orient ein einziges Schlachtfeld, eine vordere Kampfzone zwischen Medina und Mekka, zwischen Umayyaden und Husainiten, zwischen Sunna und Schia, zwischen Rechtgläubigen und Ungläubigen – manchmal mit Beteiligung des Okzidents, meist jedoch ohne. Die Araber, die auch den Kolonialismus und den modernen Sklavenhandel erfanden, brauchten beim Töten keine Unterweisung aus Rom.

Nun braucht man ohnehin viel Phantasie, um sich angesichts der Tatsache, dass in rund 17 islamischen Staaten die Scharia zum Tragen kommt – in fünf von Ihnen mit dem All-Inclusive-Angebot: Steinigen, Verstümmeln, Enthaupten – einen friedlichen Kern der Religion vorzustellen. Neben dem IS wetteifern noch 10 weitere große Dschihadgruppen von Ansar al-Scharia in Nordafrika bis al-Shabaab in Somalia um den Preis des grausamsten Wegs zu Gott – und ziehen dabei eine Blutspur durch die Welt, die jede andere Terrororganisation vor Neid erblassen lassen müsste. Haben die alle ihren Koran nicht gelesen, wie Todenhöfer vermutet?

Im Gegenteil. Es gibt nämlich entgegen der allgemeinen Ansicht, dass es sich bei dem Koran um ein weitgehend poetisches Werk mit einem faszinierendem Mystizismus handelt, auch Suren mit eindeutiger Gewaltverherrlichung und geradezu abstoßender Erniedrigung von Frauen als Sexsklavinnen und Reproduktionsspielzeug: „Euere Frauen sind euch ein Saatfeld. Geht zu euerem Feld, wie ihr wollt“ (2,223) oder: „Diejenigen aber, deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, warnt sie, meidet sie in den Schlafgemächern und schlagt sie.“ (4,34). Friedlich ist der Islam meist nur wenn es um die Organisation des eigenen Gemeinwesens geht, der Gruß Salam Aleikum (Friede sei mit Dir) wird nur unter Muslimen ausgetauscht. In der Auseinandersetzung mit den Ungläubigen ist jedoch so ziemlich alles erlaubt, kein Wunder für eine Schrift, die aus losen Überlieferungen während heftiger Kämpfe entstand: „Ich werde die Herzen der Ungläubigen mit Panik erfüllen. Trefft sie oberhalb ihrer Nacken, und schlagt ihnen alle Fingerspitzen ab!“ , (8,12), „Und tötet sie, wo immer ihr sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben.“ (2,191), „Als die schlimmsten Tiere (dawaabb) gelten bei Allah diejenigen, die ungläubig sind und (auch) nicht glauben werden.“ (8,55) Und so geht es weiter und weiter …

Nun könnte man einwenden, dass es auch im Alten Testament von solchen Gewaltanweisungen nur so wimmelt. Dabei wird jedoch vergessen, dass das Neue Testament einen deutlich pazifistischen Grundton anstimmt: „Euch allen sage ich: Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen.“ (Lukas 6,8). Jesus wollte mit der Racheprosa des Alten Bundes brechen: „Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mat 5,39).

Das Kreuz mit dem Koran ist dann auch weniger die Existenz dieser Blut- und Gewaltsuren, sondern vielmehr der Umgang mit ihnen. Während sich bei den großen christlichen Kirchen längst eine Hermeneutik durchgesetzt hat, die den spirituellen Gehalt der heiligen Schriften einer historisch-kritischen Bibelexegese unterzogen hat, verharrt der Islam immer noch auf dem Standpunkt, dass Mohammed zwar menschliche Züge trug, aber als Träger der göttlichen Offenbarung unfehlbare Wahrheiten verkündete. Damit können sich auch die islamistischen Blutsäufer direkt auf Mohammed berufen. Im Gegensatz zur christlichen Theologie, die dank der vielen Autoren – die oft zum selben Sachverhalt Unterschiedliches publizierten – schlussendlich zu der Überzeugung kam, dass es sich bei der Bibel um ein mehr oder weniger göttlich inspiriertes, aber letztendlich doch zeitgebundenes Menschenwerk handelt, ist für den gläubigen Muslim der Koran selbst ein „göttliches Wesen“. Ausgelegt (al-tafsir) wird nur, wenn sich Widersprüche ergeben.

Doch der größte Webfehler im Islam ist Mohammed selbst. Er ist nicht nur Gottgesandter und „heiliges Siegel“ – er ist der letzte Prophet! Damit schwindet jede Hoffnung, dass sich aus den Reihen der islamischen Geistlichkeit ein Reformer wie etwa Luther hervortut, der dem Glauben eine neue und zeitgemäße Richtung gibt und den Glauben in einen friedlichen Hafen lenkt. „No Direction Home“, möchte man mit Bob Dylan sagen. Eine lost religion, die sich eine spirituelle Sackgasse geschaffen hat, in der es keine Wendemöglichkeit gibt.

Kaum bemerkt, hat sich vor wenigen Monaten Papst Franziskus bei den südamerikanischen Ureinwohnern für die Verbrechen der Katholischen Kirche entschuldigt, so wie es zuvor auch schon Papst Johannes Paul II. bei den Juden getan hat. Niemand will, dass sich hochrangige Islamvertreter für die IS-Morde entschuldigen – aber ein paar klärende Wort darf die Welt nach Paris schon erwarten.

Für Paris beten oder sterben?

Bildschirmfoto 2015-11-16 um 10.16.27Und noch einer, der sich in diesen Tagen an kunstvollen Wortverrenkungen übt, um ein Paradoxon zu beschreiben. Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels: „Wie verteidigen wir unsere Freiheit, ohne sie zu opfern.“ Er widerspricht Springer-Vorstand Mathias Döpfner, der in einem Editorial geschrieben hatte: „Wir brauchen keinen linken oder rechten Populismus. Sondern eine Radikalisierung der Mitte.“ Maroldt: „Hat sich diese Mitte nicht schon längst radikalisiert – in einer für die Gesellschaft gefährlichen Art und Weise?“ … und meint vermutlich Pegida.

Nun stammt der Begriff „Extremismus der Mitte“ von dem amerikanischen Soziologen Seymour M Lipset, der die Öffnung des durch Wirtschaftskrise schwer gebeutelten liberalen Mittelstands der Dreissiger Jahre für die radikalen Parolen der NSDAP beschreiben wollte. Das war sicherlich von Döpfner so nicht gemeint. Der Satz verweist gerade in seiner Abgrenzung zu rechtem und linkem Populismus auf etwas anderes: auf die Bereitschaft der Menschen etwas für ihre Freiheit zu tun, sich also nicht in spätrömischer Dekadenz darauf zu verlassen, dass sich die Bedrohung von alleine erledigt. Und ansonsten, wie es Nils Minkmar vom „Spiegel“ gerade schrieb, gelegentliche Anschläge als Preis für die Freiheit hinzunehmen – als gottgebenes Schicksal sozusagen, was mit Verlaub ziemlicher Unsinn ist.

Nun hat schon Thomas Hobbes 1651 im „Leviathan“ die Schwierigkeiten beschrieben, die daraus entstehen, wenn der Bürger einen Vertrag mit dem Staat schließt. Genau genommen: Der Bürger muss, um mehr Sicherheit zu bekommen, sich die Einschränkung bestimmter bürgerliche Freiheitsrechte gefallen lassen. An dieser Güterabwägung hat sich bis heute nichts geändert. Schrankenlose Freiheit ist mit ihrem Schutz nicht in Einklang zu bringen – und es ist unerträglich, dass eine snowdenbesoffene Gesellschaft sich zu Tode debattiert, ob und wie lange eine Vorratsdatenspeicherung statfinden darf, während sich gleichzeitig Terroristen und andere Feinde der Offenen Gesellschaft über die elektronischen Medien zu schwersten Straftaten verabreden.

Krass gesagt: Wer die Freiheit nicht verteidigen will, weil er sonst glaubt, Kerninhalte zu opfern, hat sie nicht verdient. Es ist nur eine andere Beschreibung für Bequemlichkeit. Freiheit ist kein Lifestyle-Attribut, keine kostenlose Serviceleistung des Staates, die wie der Strom aus der Steckdose kommt, sie ist ein Wesensmerkmal unserer Gesellschaft, für das man kämpfen muss. Denn eines haben die Dschihadisten uns voraus: Sie glauben an das, wofür sie sterben.

Handel muss Elektrogeräte zurücknehmen

Elektroschrott, Elektronikschrott, Müllhalde, Entsorgung, Elektrogeräte, Elektronikgeräte, Abfall, Müll, Plastik, Müllhalde, Müllkippe, Deponie, Plastikmüll, Verpackungen, Grüner Punkt, Recycling, Umweltschutz, Umwelt, Verwertung, Müllverwertung, Wertstoff, Rückgewinnung, Abfälle, Müllentsorgung, Kommune, Müllabfuhr, Stadtwerke, Müllrecycling, Mülltrennung, Müllberg, Schrott, Recyclinghof, Kehricht, Unrat, Restmüll, Abfallwirtschaft, Müllvermeidung, Wiederverwendung, Beseitigung, Aufbereitung, Sortierung, Sondermüll, Schadstoffe, Niedersachsen, Burgdorf, Mai 2014, Bild Nr.: N46502Großhandel und Fachgeschäfte sind seit dem 24.Oktober 2015 verpflichtet Elektro- und Elektronik-Altgeräte beim Neukauf eines gleichwertigen Geräts zurückzunehmen. Das ganze natürlich kostenlos. Unter einem Großhandel wird ein Geschäft von mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche verstanden. Rücknahmepflichtig sind auch Online-Händler. Für kleinere Händler gilt das neue Gesetz nicht. Großhändler müssen kleinere Elektrogeräte auch zurücknehmen, wenn der Kunde kein Neues kauft. Klein ist ein Elektrogerät, sofern es keine längere Kante als 25 Zentimeter hat. Selbstverständlich können Elektrogeräte weiterhin auch auf dem Recyclinghof abgegeben werden. Durch das Gesetz soll vermieden werden, dass kaputte Elektrogeräte nicht achtlos weggeworfen werden. Es dient dem Umweltschutz und die in den Elektronikgeräten enthaltenen – zum Teil wertvollen – Rohstoffe sollen wiederverwertet werden.

Die Prantlisierung des Abendlands

Bildschirmfoto 2015-10-16 um 15.41.36Politiker wie Angela Merkel und Sigmar Gabriel müssen derzeit viel erdulden: Sie werden als Volksverräter beschimpft, zum Abschuss freigegeben oder haben die Wahl, entweder gehängt (Pegida) oder guillotiniert (Stop TTIP) zu werden – alles unter den Blicken einer feist grinsenden Öffentlichkeit, die offensichtlich jedes Maß verloren hat und laut krakeelend die Lynchjustiz einfordert. Direkte Demokratie in Deutschland hat auch immer einen unverkennbaren Hautgout von Blutgerichten ohne den revolutionären Witz der Sansculotten. Der deutsche Kleinbürger mag’s gern billig und trivial.

Früher war ein Vorzug der schweigenden Mehrheit, dass sie die Fresse hielt. Heute kann jede Dumpfbacke behaupten, dass entweder Asylbewerber oder Chlorhühnchen das Abendland bedrohen – ohne je artikuliert zu haben, worin der eigene Beitrag für das Abendland besteht, außer in unvollkommenem Deutsch Parolen auf die Tötungsinstrumente zu malen: „Pass! blos auf Sigmar“. Merkwürdig ist daran jedoch, dass viele Journalisten der über vier Meter hohen und damit kaum zu übersehenden Guillotine der dumpf nationalistischen Anti-TTIP-Propagandisten keinen Nachrichtenwert zusprachen, während sie sich über das dünne Lattengerüst der Pegida-Dümmlinge das Maul zerrissen. Der notorisch wütende, aber selten objektive Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung bezeichnete das Fallbeil der Linken zwar als „intolerabel“, das man strafrechtlich verfolgen müsse, hielt es aber dennoch für unvergleichbar mit dem Pegida-Galgen, der in seiner „Alltäglichkeit“ und „Bösartigkeit“ die „Primitivierung des Abendlands“ einleiten würde.

Nun könnte man sagen, dass eine Primitivierung des Abendlands immer noch besser sei als eine Prantlisierung, die sich vor allem durch linksbohèmianhafte Geschwätzigkeit, ehernes Kolumnisten-Pathos und gönnerhafte Herablassung auszeichnet – etwa in den schmierlappigen Allerweltsfloskeln von Prantl: „Eine starke Gesellschaft zeigt sich auch darin, dass sie sich nicht alles gefallen lässt.“ Gefolgt von einem unumstößlichen: „Und ein Staat ist dann stark, wenn er die Schwachen schützt.“ – wenn da nicht eine gewisse Zunahme der gedanklichen Mordbereitschaft auf rechter wie auf linker Seite zu beobachten ist. Christoph Schlingensief hatte auf der Documenta X 1996 sein environales Happening „Tötet Helmut Kohl“ gezeigt – eine Art Lagerkoller, in dem herumrumorende Freaks ihr Überleben praktizieren und dabei Tötungsphantasien ausstoßen. Doch das war Kunst und hatte einen heiligen Sinn. Schlingensief: „Wenn ich sage „Tötet Helmut Kohl“, bewahre ich ihn davor, weil ich das Bild ausspreche. Bei meiner Festnahme in Kassel haben ein paar Zuschauer gerufen „Tötet Christoph Schlingensief!“ Das fand ich gut, damit haben sie mich bewahrt.“

Was nach Schlingensief kam, war nur noch Stumpfsinn und so beliebig reproduzierbar wie ein Kill-Capitalism-T-Shirt. Da forderte der AfD-Vorstand Salzwedel René Augusti die Erschießung von deutschen Fluchthelfern. Da posieren Jusos mit Politikern feixend in T-Shirts, die im My Lai-Stil die Exekution eines Aktentaschen-Trägers zeigen. Das „Zentrum für Politische Schönheit“ warb – irgendwie sinnlos – für „Tötet Roger Köppel“, den rechtskonservativen Chef der Schweizer Weltwoche. Doch das hatte mit dem zu Unrecht als Provokateur bezeichneten Schlingensief und seiner Art zu arbeiten wenig zu tun: „Das Bild ist nur eine Vorstellung. Was nicht heißt, dass ich es einlösen muss, sondern nur, dass es in diese Richtung laufen könnte. Das Ganze muss immer die Möglichkeit haben, sich selbst zu zerstören. Nicht ich zerstöre das Bild; es zerstört sich selbst im Kopf des Betrachters.“

Dennoch oder gerade deshalb sollte man die Sache nicht zu hoch hängen, um beim Galgenbild zu bleiben: Der gedankliche (Tyrannen-)Mord ist zwar im Zuge der allgemeinen Nivellierung und Verflachung politischer Ausdrucksformen von der Bühne auf die Straße gewandert – jeder ist ein kleiner Schlingensief und darf das Unsagbare sagen – das heißt aber noch lange nicht, dass jetzt die Staatsanwaltschaft auf den Plan treten muss. Merkel, die man gerade jetzt in der allgemeinen Hysterie für und gegen Flüchtlinge als bewundernswert gefasst und abgeklärt bezeichnen muss – Häuptling „Ruhige Hand“ – hat sich überhaupt nicht dazu geäußert, weder zu den Galgen noch zu den Prantl-Primitivismen. Und das ist vermutlich das Beste, was man tun kann.